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Ich streame dann mal

Ein 65- jähriger Thüringer erobert mit seinen Videos das Internet. Sein Traum: seine Lieblingssportarten bekannt machen. Seine Familie hilft tatkräfitg mit. Hinter den Kulissen der RadballNetzer.

Reportage von Anna Isabel Brüheim
 

Bazenheid/Schweiz- Braun gebrannt. Dezenter Moschusduft. Fester, aber freundlicher Händedruck. Seine offene Art lässt von Anfang an jedes Eis brechen. Reinhard Brüheim nimmt sich für Jeden Zeit, gönnt sich selbst kaum eine Pause bei der Hallenrad-Junioren-EM im Schweizer Bazenheid.


Er scheint immer auf der Suche nach etwas Spannendem, nach eindrucksvollen Bildern von jungen Talenten, alten Hasen, den besten Perspektiven. Das spürt man und man kann es auch im Internet sehen. Die Radballvideos auf seiner Internetseite –Radballnetzer.de- und auch auf weiteren Portalen wie Hallenradsport.TV und YouTube sind sicher nicht perfekt. Doch sie zeigen, was sie sollen. Einen Sport, den viele nicht kennen. Und diejenigen, die ihn kennen und lieben, können endlich dabei sein, auch wenn sie nicht vor Ort sind. Für populäre Sportarten wie Fußball ist das ganz normal, für Radball jedoch eine absolute Neuheit.


Man grüßt sich hier, lächelt sich an. Insgesamt wirkt alles sehr familiär. Die Sporthalle ist nicht riesig, die Vorfreude aller Anwesenden dagegen schon. Rund eintausend Familien und Zuschauer warten auf die insgesamt 17 Radballteams und über 40 Kunstradfahrer.

„Gleich beginnt das Finalspiel, ich muss erstmal los. Bis gleich!“, sagt der 65-jährige Erfurter und verschwindet hinter einer der drei Kameras.

 

Gespielt wird auf einem 14 mal elf Meter großen Spielfeld, in dem die Athleten den mit Rosshaar gefüllten Ball allein mit dem Rad ins gegnerische Tor treffen wollen. Die beiden Mannschaften bestehen aus je zwei Spielern. Es sieht so einfach aus, wie sie sich und den Spielball über den Hallenboden manövrieren. „Erstmal ausprobieren, mit dem Radballrad geradeaus zu fahren“, sagen die Ehemaligen. Fahren mit einem Fixed Gear-einem Fahrrad ohne Gänge, ohne Freilauf oder Bremse-benötigt zweifellos sehr viel Übung. Extravagant sieht es aus mit seinem weit nach hinten gelegten Sattel und dem Lenker, der an Kuhhörner erinnert.


Fast genauso auffällig erscheint der RadballNetzer-Gründer Reinhard Brüheim. Sein selbst designtes T-Shirt sticht mit seinem feurigen Rot, wildem Flammenprint und eigenem Radball-Logo aus der Masse hervor. Legerer zeigt sich der Rest des Teams: sein Sohn Lars Brüheim und dessen Verlobte in sportlicher Hose mit unauffälligen bunten Shirts.
Lächelnde Mienen, keine Spur von Aufregung? Ein bisschen nervös sei sie schon, verrät Anne Ehrlich. Sie ist heute für den Livestream verantwortlich. „Wir probieren ein neues Programm dafür aus. Aber ich bin sicher, dass Anne alles im Griff hat“, beruhigt Reinhard Brüheim seine zukünftige Schwiegertochter. Wieder gute Laune und familiäre Vertrautheit. Das scheint ein wichtiger Punkt für seinen Erfolg und seine Beliebtheit im Hallenradsport zu sein. Die letzten Besprechungen sind gelaufen. Headset sitzt auf dem Kopf. Alles ist vorbereitet für die Übertragung. 

 

Riesenapplaus und Jubel von den über eintausend Zuschauern in der Halle für die Finalisten auf dem Spielfeld. Tim und Eric Lehmann aus Großkoschen drehen nervös ihre letzten Runden vor dem Spielstart gegen die österreichische Mannschaft. Eine atemberaubende Stimmung in Bazenheid: energiegeladen und erwartungsvoll. Funkelnde Augen auch bei Reinhard Brüheim. Man sieht ihm die Leidenschaft für den Sport an. Er und sein Team wollen sie greifbar machen für alle Fans außerhalb des Spielortes, vor den Bildschirmen. Mit „Auf geht’s, Jungs!“, kündigt er den Spielstart auf seinem Livestream an.

 

Vor 9 Jahren ging das erste Radballvideo auf seinem Youtube- Kanal online. Ganze 56 Sekunden Spielzeit. Man hört den ehemaligen Radballspieler damals schon als Zuschauer mitfiebern und anfeuern. Aber ein 56- Jähriger Kleinunternehmer im familiengeführten Fußbodengeschäft soll mit Radball Youtuber werden? Ohne jegliche Kenntnisse über PC- Technik, Kameraführung, Tabellen erstellen, Kommentieren? Zunächst nicht. Doch schon Udo Jürgens sang „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“. Zu seinem 66sten Geburtstag im Juli kann er zumindest auf die letzten Jahre mit Stolz zurückblicken. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Über Youtube und mit Hilfe von Lars habe ich gelernt, wie man mit Kameras umgeht, wie man Filme schneidet und sich einen Livestream aufbaut.“ Lachend fügt er hinzu: „Der Thüringer Dialekt ist angeboren. Da müssen höchstens die Zuschauer Tutorials schauen, um mich zu verstehen.“

 

Der Livestream hängt. Wird das Team das Problem rechtzeitig zu den entscheidenden Spielzügen beheben können? Lars Brüheim und Anne Ehrlich beraten sich hektisch.

Auf dem Spielfeld geht es ebenfalls heiß her. 2:1 steht es für die Deutschen. Die jungen Mannschaften schenken sich nichts. Die Athleten gehen hart, aber fair in den Zweikampf. Die Bälle werden fest geschossen, prallen an den Händen der Torhüter ab und können nur schwer gefangen werden. Dann ein Strafstoß gegen die Deutschen. „Ja, da haben sie halt mit dem Fuß den Boden berührt beim Spielen. Das geht nicht! Mann, Mann, Mann.“, kommentiert Reinhard Brüheim aufgebracht. Auch er hat von den Schwierigkeiten bei der Übertragung mitbekommen. Aber jeder hat seine Aufgabe im Team. Einfach aufstehen und das Problem selbst anpacken, wie er es eigentlich möchte, geht jetzt nicht.


Am Ende erreichen Tim und Eric Lehmann aus Deutschland einen großartigen Finalsieg und werden damit Junioren-Europameister. Auch die Liveübertragung kann nach nur wenigen Minuten in der zweiten Spielhälfte weiterlaufen und diese wichtigen Momente festhalten.
Hände schütteln, Glückwünsche und Riesenfreude auch für das RadballNetzer- Team. Die Radballgemeinde sei stolz darauf, dass ihr besonderer, aber wenig bekannter Sport und die Erfolge der außergewöhnlichen Spieler nun auch endlich publik werden. Über Zehntausend Zuschauer vor den Bildschirmen verfolgten allein dieses Wochenende die Meisterschaften über den Livestream. Dass der Erfurter nun diese mediale Marktlücke entdeckt hat und sich mit viel Leidenschaft um die Übertragungen kümmert, wundert Niemanden. „Was der Reinhard sich in den Kopf setzt, das zieht er auch durch“, sagt seine Schwiegertochter in spe.

 

Eine gelungene Europameisterschaft kann nun zu Ende gehen. Die Ära der längst überfälligen, modernen Sportberichterstattung im Radball hat gerade erst begonnen.
 

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